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Was auf der Bauchbinde steht

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10 Minuten · 11 Quellen

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Zuletzt geprüft am 05.09.2026

Bei Illner wirbt Nena Brockhaus für ein Koalitionsangebot der CDU an die AfD, drei Tage vor der Wahl in Sachsen-Anhalt. Der Adressat hat längst abgesagt. Unter ihr steht das Wort „Journalistin“.


Donnerstagabend, 22.15 Uhr, ZDF, „Der Osten wählt – die letzten Tage der Brandmauer?“. Fünf Gäste, drei Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Ein CDU-Sozialpolitiker, ein SPD-Ministerpräsident außer Dienst, eine Moderatorin, ein Rapper aus Leipzig – und eine Frau, unter der eingeblendet wird: Journalistin, Kolumnistin, „WELT TV“.

Diese Frau heißt Nena Brockhaus, und sie plädierte dafür, dass die Union auf die AfD zugeht. „Wenn 43 Prozent das wollen, dann müssen doch wenigstens Gespräche geführt werden“, sagte sie mit Blick auf die Umfragen; das sei doch demokratisch. Die CDU solle ein Angebot machen: Wenn ihr euch ändert, koalieren wir. Eine Koalition aus Union, SPD, Grünen und mit Duldung der Linken – von ihr „Regenbogen-Koalition“ getauft – wäre dagegen ein „Schlag ins Gesicht“ der Wähler. Und vielleicht, mutmaßte sie, mache Herr Siegmund ja sogar einen guten Job, man wisse es Stand jetzt nicht.

Man darf das denken. Man darf es auch sagen, im Fernsehen, drei Tage vor einer Wahl. Nur ist an dem Vorschlag zweierlei bemerkenswert, und beides hat nichts mit Gesinnung zu tun. Das Dritte stand die ganze Zeit unter ihr eingeblendet.

Ein Angebot an jemanden, der bereits abgesagt hat

Der Adressat will nicht. Ulrich Siegmund hat in der Wahlarena auf die Frage, ob er nicht selbst mauere, geantwortet, die Möglichkeit einer Alleinregierung werde von Tag zu Tag realistischer; auf dieses Szenario habe man sich viele Jahre vorbereitet. Im Morgenmagazin legte er nach: Er stelle sich nur zur Wahl, wenn es für die absolute Mehrheit reicht. Zwei Wochen zuvor hatte Alice Weidel im ZDF-Sommerinterview erklärt, die DNA der CDU sei die Lüge, und den Ausstieg aus Schengen und dem Euro gleich mitgeliefert.

Wer der CDU rät, ein Koalitionsangebot zu machen, empfiehlt also ein Angebot an einen Bewerber, der die Stelle abgelehnt hat, bevor sie ausgeschrieben war. Das ist keine strittige Bewertung, das ist eine Terminlage. Nachprüfbar in einer Stunde, das Sendungsprotokoll liegt öffentlich.

Vor der Frage, ob die CDU der AfD ein Angebot machen soll, stünde die Frage, ob die AfD eines will. Sie ist beantwortet.

Was die CDU tun soll, tut nicht einmal Marine Le Pen

Und dann ist da noch der Teil, den an dem Abend niemand aussprach. Die AfD sucht nicht nur in Magdeburg Anschluss. Sie sucht ihn auch in Brüssel und findet ihn dort nicht.

Kurz vor der Europawahl 2024 flogen die AfD-Abgeordneten aus der Fraktion Identität und Demokratie, betrieben vom Rassemblement National, nachdem Maximilian Krah in einem Zeitungsinterview relativiert hatte, ob jeder Träger einer SS-Uniform automatisch ein Verbrecher gewesen sei. In die neu gegründete Fraktion Patrioten für Europa – RN, FPÖ, Fidesz, Wilders‘ PVV, Vox, Chega – wurde sie nicht aufgenommen. Bei Melonis Konservativen ebenso wenig. Übrig blieb die Eigengründung „Europa Souveräner Nationen“, zusammen mit Kleinstparteien, die 2024 erstmals ins Parlament einzogen. Seit Juli 2026 lässt das Europäische Parlament prüfen, ob genau diese Parteienfamilie gegen europäische Werte verstößt; es geht auch um Fördermittel in Millionenhöhe.

Jordan Bardella, RN-Chef und Vorsitzender der Patrioten-Fraktion, sagte der FAZ in diesem Frühjahr, viele Positionen der AfD seien mit den eigenen Grundsätzen unvereinbar, sie sitze nicht mit ihnen in einer Fraktion und sei auf europäischer Ebene kein Bündnispartner. Was ihn konkret störe: „Die extreme Rhetorik in historischen Fragen.“ Derselbe Bardella lobt im selben Interview Friedrich Merz – für Bürokratieabbau, Wettbewerbsfähigkeit und die Grenzkontrollen. Man will sich nicht abgrenzen, man grenzt nur diese eine Partei aus.

Zuspruch bekam die AfD immerhin von einer Seite: Viktor Orbán hat sie vor der Bundestagswahl 2025 öffentlich gelobt. Aufgenommen in seine Fraktion hat er sie trotzdem nicht. Und seit dem 12. April 2026 ist er abgewählt – Péter Magyars Tisza holte eine Zweidrittelmehrheit, Fidesz sitzt nach sechzehn Jahren in der Opposition. Der einzige Regierungschef Europas, der die AfD öffentlich lobte, ist seit dem Frühjahr keiner mehr.

Der Vorschlag lautet damit, ausbuchstabiert: Die CDU möge in Sachsen-Anhalt eine Partei einbinden, die der europäischen Rechten zu weit rechts ist. Nicht der Zivilgesellschaft, nicht dem Öffentlich-Rechtlichen, nicht den Grünen. Marine Le Pen.

Wer der Union rät, hier großzügiger zu sein als das Rassemblement National, hat kein moralisches Argument entkräftet. Er hat nur nicht nachgesehen, wo es herkommt.

Die Ausgrenzung der AfD ist keine Erfindung des deutschen Meinungsmilieus. Organisiert wird sie in Brüssel von der Rechten selbst.

Die Entzauberungsthese ist keine Meinung, sondern eine Prognose

Der zweite Teil des Vorschlags war eine Prognose. Eine Regierungsbeteiligung, so Brockhaus, könnte die AfD entzaubern: Die Menschen sähen dann, was diese Politik für sie konkret bedeutet, und aus der Opferrolle wäre die Partei auch heraus. Ob Siegmund einen guten Job mache, wisse man Stand jetzt eben nicht.

Der letzte Satz ist ehrlich und zugleich das Eingeständnis, dass hier ohne Befund geraten wird. Dabei weiß man einiges.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, deren Nähe zur CDU man schlecht als linke Schlagseite abtun kann, hat im September 2025 zehn europäische Länder verglichen. Ergebnis: Die Zähmung durch Einbindung findet nicht statt; kooperierende Konservative verlieren eher selbst. Für Finnland nennt das Papier die Entzauberungshoffnung eine Wunschvorstellung, für Österreich war sie bestenfalls zeitweilig erfolgreich. Die AfD ordnet dieselbe Studie einer Kategorie zu, für die Kooperationen aus Sicht der europäischen Konservativen nicht denkbar sind. Stephan Weil sagte am selben Abend die Kurzfassung: Vor Trumps erster Amtszeit hätten auch viele geglaubt, das erledige sich durch Regieren.

Das Experiment ist gelaufen worden. Mehrfach. Nur nicht hier.

43 Prozent sind ein Umfragewert, kein Auftrag

Der demokratietheoretische Satz des Abends klingt unangreifbar und enthält drei Fehler. Die 43 Prozent sind kein Wahlergebnis, sondern eine Prognose. Eine relative Mehrheit ist keine Mehrheit; sie berechtigt zum Regierungsauftrag nur, wenn jemand mitmacht. Und in einer parlamentarischen Demokratie ist niemand verpflichtet zu koalieren – die Freiheit, Nein zu sagen, ist exakt dieselbe, die Siegmund in Anspruch nimmt, wenn er nur allein regieren will.

Wäre die Verweigerung einer Koalition undemokratisch, wäre der erste Täter der Spitzenkandidat der AfD.

Das ehrliche Gegenargument

Brockhaus benennt ein reales Dilemma. Eine Landesregierung aus vier Partnern, gebildet gegen die stärkste Kraft, muss fünf Jahre halten und liefert der AfD täglich das Bild, das ihr Geschäftsmodell braucht: alle gegen einen, das Kartell schließt die Reihen. Dass Radtke die eigene Partei in die Pflicht nahm – hohe Mieten, Lebensmittelpreise, nicht richtig adressiert – und Weil den Satz sagte, wenn die AfD schwächer werden solle, müssten die anderen besser werden, ist inhaltlich dasselbe wie ihr „Schlag ins Gesicht“, nur in höflich.

Und der Berufsstand: Kommentar und Kolumne sind legitime Formen. Von Broder, Fleischhauer oder Augstein verlangt niemand Neutralität, und niemand fragt bei ihnen, ob sie „wirklich“ Journalisten seien. Diese Frage wird bei jungen Frauen mit Reichweite auffällig häufiger gestellt, und wer sie stellt, führt ein Statusargument, kein sachliches. Meinung darf einseitig sein. Sie muss nur stimmen.

Der Vorschlag war nicht falsch, er war abgelaufen

Keine der drei Auskünfte war schwer zu bekommen. Siegmunds Absage steht im Mitschnitt der Wahlarena vom August; die Moderation hat exakt diese Frage gestellt, das Video ist öffentlich. Bardellas Absage steht in einem FAZ-Interview vom Frühjahr, das durch die halbe deutsche Presse ging. Die Bilanz der Entzauberung steht seit September 2025 in einem frei herunterladbaren Papier der Konrad-Adenauer-Stiftung. Drei Quellen, ein Nachmittag, alle älter als die Sendung.

Mit ihnen im Kopf lässt sich der Vorschlag in dieser Form nicht mehr vortragen. Ihm fehlt das Gegenüber, der Rückhalt bei denen, mit denen sich die AfD selbst vergleicht, und die empirische Grundlage. Er war am Donnerstagabend nicht falsch. Er war abgelaufen.

In einer anderen Fassung hätte er gehalten. Das Legitimationsproblem einer Vierparteienregierung gegen die stärkste Kraft ist echt, und die Union hat darauf bis heute keine Antwort, die man einem Wähler in Bitterfeld in zwei Sätzen erklären könnte. Diesen Einwand hätte am Tisch niemand einfach wegräumen können. Stattdessen lag ein Angebot an jemanden auf dem Tisch, der abgesagt hat – und Radtke musste nur Nein sagen, um zu gewinnen.

Der Unterschied zwischen beiden Fassungen ist keine Haltung. Es ist ein Nachmittag Vorbereitung.

Und genau den verspricht das Wort auf der Bauchbinde. Nicht, dass jemand recht hat. Sondern, dass jemand nachgesehen hat, bevor er es sagt.

Deshalb ist das Problem nicht die Meinung, sondern die Bauchbinde

In der eigenen Vermarktungsunterlage zu ihrem WELT-Talk „Meinungsfreiheit“, seit November 2025 auf Sendung, steht, sie agiere als Moderatorin bewusst nicht neutral. Das ist keine Unterstellung von außen, das ist das Produktversprechen, und es ist ehrlicher als das meiste, was Sender über ihre Formate behaupten.

Im ZDF erschien diese Position unter dem Wort „Journalistin“. Eine Bauchbinde ist eine Beweismittelkennzeichnung: Politiker heißt Interesse, Journalist heißt Beobachtung. Der Zuschauer um 22.40 Uhr liest keine Mediadaten, er liest die Einblendung. Und weil es keine Bauchbinde gibt, auf der „Kolumnistin eines Senders, der sie ausdrücklich als nicht neutral bewirbt“ steht, steht da eben das kurze Wort. Die Runde leiht sich damit eine Glaubwürdigkeit, die sie nicht geprüft hat. Und eingeladen hat sich Frau Brockhaus nicht selbst – das war das ZDF.

Der eigene Sender bewirbt sie ausdrücklich als nicht neutral, das ZDF blendet „Journalistin“ ein. Beides gleichzeitig kann nicht stimmen.

Der bisherige Befund

Ausgebildet ist sie. Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten, danach Redakteurin beim Handelsblatt, Bunte, Bild, „Viertel nach acht“. Wer „nur Influencerin“ sagt, liegt schlicht falsch – und macht es sich zu leicht.

Nur prüft das Handwerk nicht den Ausweis, sondern drei Dinge: recherchieren vor behaupten, Interessen offenlegen, korrigieren. Übermedien hat 2022 ihre Fragerei zerlegt, bei der die Antwort jeweils binnen Stunden zu haben gewesen wäre – die Redaktion holte sie ein und veröffentlichte sie; Brockhaus blockierte danach das Medium, den Autor und Stefan Niggemeier. 2023 bewarb Bild die neue Brautmoden-Boutique ihrer Geschäftspartnerin, mit Brockhaus als Model, ohne die gemeinsame Gesellschaft zu erwähnen; der Transparenzhinweis kam, nachdem Übermedien nachgefragt hatte. Die FAZ warf ihrem Buch „Alte weise Männer“ Einseitigkeit und eine Gästeauswahl nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip vor – ein Urteil über das Werk, nicht über den Berufsstand. So macht man das.

Gestern Abend kam Punkt eins dazu.

Und der unangenehme Rest

Dieser Text macht drei Tage vor einer Landtagswahl eine Journalistin zum Gegenstand, statt die Partei, um die es geht. Er verlängert eine Talkshow-Passage um ein paar tausend Zeichen und nennt das Medienkritik. Ich habe zuerst nach dem Etikett gefragt und dann nach den Belegen – also genau in der Reihenfolge, die ich dem Fernsehen vorwerfe. Und Gegenlicht hat überhaupt keine Bauchbinde: ein Laptop, eine Haltung, und darunter steht, was ich selbst hineinschreibe.

Der Unterschied, auf dem ich bestehe, ist schmal. Er besteht darin, dass drunter steht, woher es kommt.

Am Sonntag wird gewählt. Reicht es für Siegmunds absolute Mehrheit, braucht niemand ein Angebot; reicht es nicht, will er keins. Am Montag sitzen die Runden wieder beisammen und erklären, was der Osten gemeint hat. Unter jedem steht dann ein Wort, das keiner mehr prüft.

Quellen

  1. ZDF, „maybrit illner“ vom 3. September 2026, sowie die Sendungsnachlese auf zdfheute.de
  2. Sven Hauberg/teleschau, Bericht zur Sendung, 4. September 2026 (merkur.de)
  3. MDR-Wahlarena Sachsen-Anhalt
  4. ZDF-Sommerinterview mit Alice Weidel, 23. August 2026
  5. Konrad-Adenauer-Stiftung, „Zwischen Abgrenzung, Einbindung und Tolerierung“, September 2025
  6. Jordan Bardella im FAZ-Interview, Mai 2026, referiert bei t-online, 7. Juli 2026
  7. NZZ, „EU-Parlament will Untersuchung gegen AfD-Europapartei“, 7. Juli 2026
  8. Frederik von Castell, „Die will doch nur fragen“, Übermedien, 14. Januar 2022
  9. ders., „Ganz in Weiß-von-nix“, Übermedien, 26. April 2023
  10. FAZ-Rezension „Alte weise Männer“, 6. März 2023
  11. Media Impact, Vermarktungsunterlage „Meinungsfreiheit mit Nena Brockhaus“, 2025

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