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Weniger Ulrich Siegmund, mehr Margot Friedländer wagen

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Zuletzt geprüft am 27.08.2026

Sichtbarkeit ist die bequemste Forderung der Republik — sie kostet nichts und verpflichtet niemanden. Zwei Wochen vor der Wahl in Sachsen-Anhalt steht die AfD bei 42 Prozent und arbeitet längst nicht mehr mit Sichtbarkeit, sondern mit einer kompletten Vertriebsmannschaft.


Zweiundvierzig Prozent. Siebenhundertsiebenundsiebzigtausend Follower. Und ein Satz einer 103-jährigen Frau, den in diesem Wahlkampf mehr Leute zitieren als befolgen.

Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt. Die letzte INSA-Umfrage sieht die AfD bei 42 Prozent, die CDU bei 22, und wir sind an dem Punkt angekommen, an dem seriöse Menschen ernsthaft ausrechnen, ob die Grünen über fünf Prozent kommen. Nicht, weil das in Magdeburg irgendjemanden glücklich machen würde, sondern weil eine Kleinstpartei rechnerisch verhindern könnte, dass ein vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufter Landesverband die Staatskanzlei bekommt. Demokratie als Restmandats-Roulette. Setzen Sie auf Grün, es geht um alles.

Dieser Text sollte ursprünglich das fordern, was gerade alle fordern: mehr Sichtbarkeit für die anständige Mehrheit. Weniger Siegmund im Feed, mehr Friedländer im Herzen. Dann fiel mir auf, dass das die bequemste Forderung der Republik ist. Sie kostet nichts, verpflichtet niemanden, und man kann sie hervorragend auf einem Tote-Bag unterbringen. Ich hätte sie fast aufgeschrieben. Würden Sie an meiner Stelle auch.

Das Problem: Sie ist empirisch schon durchgefallen.

Die sichtbarste Zivilgesellschaft aller Zeiten

Anfang 2024, nach den Correctiv-Recherchen zum Potsdamer Treffen, stand Deutschland auf der Straße wie seit Jahrzehnten nicht. Millionen. Kerzen, Kinderwagen, Kirchengemeinden, Betriebsräte, ein ganzes Land in Funktionsjacke. Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung hat für die Friedrich-Ebert-Stiftung nachgemessen, was davon übrig blieb: kein nachweisbarer Effekt auf Wahlergebnisse. Der Rechtsruck bei Kommunal- und Europawahl fiel, so die Studie, „etwas weniger stark“ aus als befürchtet. Das ist die Sorte Erfolg, die man auf keine Fahne bekommt.

Noch ehrlicher sind die Demonstrierenden selbst. Eine Konstanzer Befragung vom März 2024 ergab: Ganze acht Prozent von ihnen glaubten, sie könnten AfD-Wähler umstimmen. Vierundachtzig Prozent hielten die symbolische Sichtbarkeit trotzdem für wertvoll. Man muss diese beiden Zahlen zusammen lesen, um zu verstehen, was da eigentlich stattfand: eine Selbstvergewisserung. Ein sehr großes, sehr aufrichtiges Sich-gegenseitig-Versichern, dass man noch da ist.

Eine Demonstration misst, wie viele schon überzeugt sind. Sie überzeugt niemanden dazu.

Sichtbarkeit ist eben kein Werkzeug, sie ist eine Quittung. Man erkennt daran, dass etwas passiert ist, nicht, dass etwas passieren wird.

Zweieinhalb Jahre später: 42 Prozent.

Ein Produkt mit Lieferkette

Denn auf der Gegenseite arbeitet niemand mit Sichtbarkeit, sondern mit Vertrieb. Ulrich Siegmund, 35, ist gelernter Duftmarketing-Mann – ein Beruf, der darin besteht, Menschen über die Nase zu Kaufentscheidungen zu bewegen, ohne dass sie es merken. Er übt heute denselben Beruf aus, nur mit anderem Sortiment. Der freundliche Schwiegersohn mit der Simson, Selfie-Schlange am Marktplatz, Volksfest mit Beipackzettel.

Den Beipackzettel liest bloss keiner. Dabei steht alles drauf: Vier ehemalige Mitglieder der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend arbeiten in seiner Fraktion. Der Rechtsberater ist ein früherer HDJ-Bundesführer, der Fraktionsgeschäftsführer war dort Beschaffungschef. Die Videoproduktion, die aus einem Landtagsabgeordneten einen TikTok-Star macht, läuft über ein Kollektiv aus dem Chemnitzer Haus der Identitären Bewegung – 5.000 bis 30.000 Euro pro Veranstaltung, verbucht im Haushaltstitel „Öffentlichkeitsarbeit“. Der Steuerzahler finanziert die Kamera, die ihm erklärt, warum sein Nachbar hier nicht hingehört.

Auf der einen Seite Menschen, die sich zeigen. Auf der anderen eine Organisation mit Personal, Budget und eigener Produktionsfirma.

Siegmund ist kein Phänomen. Er ist ein Produkt mit Lieferkette. Und das Produkt heißt Remigration, was er selbst das „Gebot der Stunde“ nennt, in gerader Linie auf Martin Sellners Potsdamer Vortrag zurückgehend.

Es bedeutet, dass Menschen, die hier geboren wurden, gehen sollen. Nicht metaphorisch. Nicht „im Einzelfall“. Es bedeutet, dass jemand am 7. September aufwacht und nachrechnet, ob der Pass reicht.

Sonntagsrede trifft Montagsbescheid

Und wie antwortet der Staat, der von seiner Zivilgesellschaft mehr Sichtbarkeit verlangt? Mit Formularen.

Nein, das Geld wird nicht gekürzt – auch wenn das prächtig in die Erzählung passte. „Demokratie leben!“ stand 2025 bei 200 Millionen Euro und steht 2026 bei 209. Wer das Gegenteil behauptet, macht es sich zu leicht, und wir wollen es uns hier ja schwer machen.

Das Problem sind nicht die Beträge, es sind die Geschäftsbedingungen. Bundesministerin Karin Prien will die Regelabfrage beim Verfassungsschutz künftig auf sämtliche geförderten Projekte ausdehnen. Geförderte Träger sollen Erstveröffentlichungen vier Wochen vorher ankündigen, damit das Ministerium „begründete Bedenken“ anmelden kann. Die Auswahlkriterien bleiben intransparent, Ablehnungen unbegründet.

Übersetzt: Engagiert euch, aber bitte im Umlaufverfahren. Zeigt Zivilcourage, Abgabefrist ist Freitag. Seid das wehrhafte Herz der Demokratie – und legt vorher die Broschüre vor. Man kann Menschen nicht sonntags zu Haltung auffordern und ihnen montags einen Bescheid schicken, in dem steht, dass ihre Haltung erst geprüft wird.

Nebenbei: Rund 40 Prozent der Erwachsenen in diesem Land engagieren sich freiwillig, etwa 30 Millionen Menschen. Die demokratische Zivilgesellschaft ist nicht unsichtbar. Sie ist unorganisiert, unbezahlt und neuerdings meldepflichtig.

Der Staat verlangt mehr Engagement und baut zugleich die Hürden, an denen es hängen bleibt.

Zwei Arten, mit der Vergangenheit umzugehen

Womit wir bei der Frau wären, die im Titel steht – und beim eigentlichen Unterschied, um den es geht. Er ist nämlich kein moralischer, sonst hätte ihn Siegmund längst gewonnen. Gegen Moral kann man kandidieren, gegen Anstand plakatieren, und niemand hat je eine Wahl verloren, weil ihm die Guten Herzlosigkeit vorwarfen.

Der Unterschied ist ein Zeitproblem.

Siegmund verkauft eine Zukunft, die aus Vergangenheit besteht. Remigration ist Rückabwicklung, ein Land als Restaurierungsprojekt, Deutschland im Werkszustand. Margot Friedländer machte das exakt Umgekehrte: Sie benutzte die Vergangenheit nicht als Ziel, sondern als Forderung an die Gegenwart. Nicht „so war es“, sondern „macht es anders“.

Und deshalb der Titel. „Mehr Demokratie wagen“ war 1969 kein Appell, sondern ein Arbeitsplan – Wahlalter 18, Bildungsreform, Ostpolitik, alles mit Gegenwind und Aktenzeichen. Wagen heißt riskieren, nicht anmahnen. Wer „mehr Friedländer wagen“ sagt und dabei an Gedenkstunden denkt, hat das Verb nicht gelesen.

Gegen Moral kann man kandidieren. Gegen einen Arbeitsplan nicht.

Die taz hat nach ihrem Tod im Mai 2025 das aufgeschrieben, was seither niemand mehr aufgreift: Die junge Margot Friedländer würde heute an der deutschen Grenze abgewiesen. Dieselben, die trauerten, verantworten die Rechtslage, die sie zurückschicken würde.

Ihr Satz hatte zwei Teile. „Seid Menschen. Engagiert euch.“

Den ersten kann man auf Kacheln drucken. Der zweite ist ein Verb.

Kacheln verkaufen sich besser.

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